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Kriegsmädchen

Sie ist das kleine Mädchen, geboren in einem deutschen Bunker. Geboren in eine Welt voller Kriegslärm, Sirenen und menschlicher Verzweiflung.

Sie ist das Mädchen, das früh lernt, nur geradeaus zu gehen. Zurück blicken heisst eine Sekunde innehalten. Diese Sekunde kann Leben kosten. 

Sie ist das Mädchen mit dem Pokerface. Sie wird in Misthaufen versteckt. Sie erstarrt. Eine Starre, die sie in frühen Jahren perfektioniert hat.

 

"Sie schreit nicht, wenn die hektisch suchenden Stimmen der Soldaten Befehle bellen und die Mistgabel Zentimeter an ihrem Gesicht vorbei saust."

 

Sie schreit nicht, wenn andere getroffen werden. Sie ist still, emotionslos, starr. Sie unterwirft sich dem Leben und geht weiter geradeaus, wenn es gnädig war. Sie kennt den Grund für den Lärm und die Sirenen nicht. Sie weiss nicht, weshalb sie ein zu eliminierendes Ziel darstellt. Sie ist zu jung. Sie versteht nicht, dass der Fehler nicht sie ist.

 

"Das kleine Mädchen ist heute 78 Jahre alt."

 

Sie hat einen Ehemann und eine Tochter verloren, sie hat ihre Enkel aufwachsen sehen, sie hat ihnen zu Geburtstagen Kuchen gebacken, sie hat einen neuen Lebenspartner gefunden, den sie nie heiraten wird, weil für sie ein Ja nur einmalig zu vergeben ist. Die tiefer werdenden Furchen in ihrem Gesicht verleihen ihr einen weichen Ausdruck, nur die stahlblauen Augen erinnern an einen harten Start in ein arbeitsreiches und von Verlusten geprägtes Leben.

Es gibt diese Momente, in denen ich dem kleinen Mädchen sagen möchte, dass weinen in Ordnung ist. Ein Innehalten den Gefühlen Platz machen kann. Dass ich sie umarmen mag, wenn es ihr schlecht geht. Auch nach 78 Jahren und 50 Jahren mehr Lebenserfahrung als ich.

 

"Ich weiss, Kriegsmädchen zeigen keine Schwäche."

 

Ein Satz, den unsere Generation immer wieder missbraucht ohne zu wissen, wie schrecklich die Bedeutung davon wirklich ist. 

Aber wir zwei wissen es.

 

Deine Enkelin