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Eye Contact Experience

 

Zur Theorie:

 

Fremde Menschen treffen sich an einem vereinbarten Ort. Dieser kann in der Natur oder einem geschlossenen Raum sein, Hauptsache es lassen sich Meditationskissen auf dem Boden ausbreiten. Beziehungsweise Hauptsache man sitzt weich. Jeweils ein Paar schaut sich an. Und das ausschliesslich in die Augen.

 

Zur Praxis:

 

Die Frage nach dem Sinn hinter diesem Experiment wird bei der Veranstaltung sehr medienwirksam erläutert. Videos zeigen fremde Menschen, die sich nach dem Augenkontakt umarmen, in Tränen ausbrechen oder sogar als Paar enden. Also alle Singles aufgepasst... ihr könnt euch euren Traumpartner vielleicht „erstarren“. 

Ich hingegen komme zusammen mit meiner Freundin (Mädels-Prinzip... nie alleine auf die Toilette - oder eben zu einem Experiment...) völlig abgehetzt in diesem Meditationscenter an. Wir mussten uns an einem Sonntag nicht nur zum Bett raus, sondern auch vom Land in das städtische Zürich kämpfen. Natürlich sind wir zu spät (meine Schuld) und natürlich kommen wir noch später, weil wir erst mal einen halben Kilometer in die falsche Richtung laufen. Beim Navigieren hilft das Mädels-Prinzip eben nicht - die Katastrophe verdoppelt sich lediglich. 

Das Center befindet sich in einer gut versteckten Nische zwischen all den kolossalen Gebäuden am Hauptbahnhof. Wir klingeln, ein schepperndes „rrrrr Stock!“ ertönt aus dem Lautsprecher und während ich meine Freundin noch fragend anschaue, surrt der Türöffner. Der „rrrte-Stock“ entpuppt sich als der Dritte und katapultiert uns weg von der lärmenden Grossstadt direkt in eine andere Welt, in der wir mit einem „psssst es hat angefangen!“ begrüsst werden. Wir müssen Schuhe, Jacke und Tasche ablegen. Ganz leise. Und auf Samtpfoten in den gedimmten Raum treten, der gestossen voll ist mit Menschen. Menschen, die bereits einen Schritt weiter sind als wir – sie meditieren. Die Konsequenz daraus: Wir durchqueren – leider eher mit Samtlatschen - den Raum, „huii ist das Parkett hier glatt“ und rutschen gefolgt von skeptisch-genervten Blicken auf die Fensterbank. Eins zu Null für die Landeier.

Der Mann, der vorne am Boden sitzt – quasi der Leiter dieser anderen Welt – meditiert auf Englisch. Wir können uns zunächst beide nicht so richtig darauf einlassen. Meine Freundin, weil die Bank ziemlich unbequem ist, ich, weil ich versuche das schweizerische Englisch zu entziffern und bei „schiiiiiin“ an einen Gin-Tonic denke, nicht an mein Kinn. Auch als das Experiment beginnt, schauen wir uns noch etwas hilflos an. Das in die Augen sehen entwickelt sich so: wir eröffnen das Starrduell bis eine (OK.. bis ich) vor Lachen wegsehen muss. Ihr alle kennt dieses Spiel.. wer zuerst lacht... äusserst nervig in solch einer Situation. Und doch baut es die Spannung nach und nach ab. Bis wir uns nur noch ansehen. Und an dieser Stelle sei gesagt: es ist erstaunlich schwierig, beide Augen zu fixieren, nicht nur eines. 

Nach einer Weile verliere ich das Gefühl für Zeit und Raum. Ich sehe ihr Gesicht völlig verschwommen – bis auf ihre Augen, die mich wiederum fixieren. So als ergründe sie gerade etwas, was ich sonst weder in meinen Worten noch in meinen Handlungen offenlege. Wir beenden den Kontakt mit einem Nicken. Der erste Schritt ist geschafft, nun wird es ernst. Das Selbe wiederholt man nun mit einem wildfremden Menschen. Ohne Koordination der Veranstalter – jeder kann sich nach freiem Willen jedem gegenübersetzen, ohne zu fragen. Das könnte bei der SBB eine revolutionäre Auswirkung auf die Sitzplatz-Verteilung in Zügen haben! 

Beim ersten fremden Partner kreisen meine Gedanken noch um das wer hört wohl zuerst auf, was der wohl denkt, die Musik ist echt klasse, ob man diesen Country-Song downloaden kann, merkt er wenn ich dezent Luftgitarre spiele oder etwas zum Takt wippe?

Beim dritten Anlauf vergesse ich nochmals alles um mich herum. Es ist, als ob wir in einer Luftblase sitzen, in einem Vakuum aus persönlichen Geschichten, dessen stille Beobachter wir sind. Ohne Wiederrede. Ohne Maske. Ohne Floskeln. Beängstigend wundervoll.

 

Fazit:

 

Wie man unschwer erkennen kann, gehöre ich nicht zu der schubladisierten spirituellen Sorte. Wie viele andere auch nicht. Und doch sehnen sich gerade heute immer mehr nach Verständnis, Ruhe, Entschleunigung. Wir wissen es alle - Taten sagen mehr als Worte. Und doch entziffert und analysiert man WhatsApp, E-Mails, die Tonlage des anderen. Am besten alles gleichzeitig.

Man besucht Kurse, um Lügner zu entlarven, man entwickelt Methoden zur effizienten Kommunikation im Büro. Taten verklären oder interpretieren wir gerne so, damit sie zu unserem Glaubensansatz oder Gedankenkonstrukt passen. Eben alles mehr Schein als Sein – wir veräppeln uns selber. Und sind überzeugt davon.

Ich glaube nicht, dass wir unsere Mitmenschen lesen lernen, wenn wir sie nur genug lange konzentriert anstarren. Im Alltag würde dies wohl eher im hektischen Versuch enden den imaginären Popel aus der Nase zu entfernen. Das Geheimnis liegt viel mehr in uns selber: wir wissen gar nicht mehr wie das ist, dieses Fokussieren auf den Mitmenschen. Ohne Ablenkung durch PC, Telefon oder der Einkaufsliste, die im Kopf vor sich hin rattert. Wir kennen den zeitlosen Zustand nicht mehr. Wir kennen uns nicht mehr. Wer sind wir, so ganz ohne Ablenkung? 

Wir kommunizieren, verbal und nonverbal, mit einer meterhohen Wand um uns herum. Manchmal müssen wir gar schreien, wild gestikulieren. Das Gegenüber versteht es trotzdem nicht. Oder eben so, wie er es hinter seiner eigenen Mauer, gefüllt mit eigenen Erfahrungswerten und Interpretationen, verstehen will. 

Einen Fokus setzen kann dieses gegenseitige Abschirmen nicht gänzlich verhindern. Es ist menschlich und mittlerweile tief verwurzelt. Aber es kann dem anderen den Mut, die Wichtigkeit und die nötige Aufmerksamkeit geben, um Stück für Stück etwas davon abzubauen. Wenn dies nun also Zwei gleichzeitig tun – ergibt dies ein klitzekleines Erbeben. Zu Country-Musik. Zwei zu Null für die Landeier.